„Eine der Besonderheiten bei der Arbeit an einem konzeptionellen, künstlerischen Fotoprojekt ist,“ so erklärt Kaupo Kikkas, „dass im Vergleich zu anderen fotografischen Arbeiten ein Großteil des Prozesses schon vor dem eigentlichen Fotografieren stattfindet. Manchmal verbringt man anderthalb Jahre mit der Konzeption, der Planung oder der Suche nach dem richtigen Ort, und dann sind die eigentlichen Aufnahmen nach ein paar Stunden im Kasten.“
„Aber es dauert nicht immer so lange“, lacht er. „Manche Aufnahmen entstehen auch sehr spontan. Doch es ist eine Tatsache, dass sich solche Projekte über Jahre hinziehen können. Wenn allmählich Resultate zu sehen sind und das Projekt sich dem Abschluss nähert, ist man zwar immer sehr selbstkritisch, aber aus einer kreativen Perspektive kann dieser Prozess sehr befriedigend sein.“
Kaupo kann eine erfolgreiche Karriere als kreativer Fotograf in der Musikbranche vorweisen, seine Aufnahmen finden sich auf Zeitschriftencovers, Postern und Album-Artworks. Doch es sind künstlerische Projekte wie „Inner Cosmos“, in denen er seine nachdenkliche Seite ausdrücken kann. „Mit meinen Bildern kann ich Fragen aufwerfen – über das Wesen der Menschheit und die Welt, die wir geschaffen haben“, erklärt er.
Diese eher introspektive, nachdenkliche Herangehensweise an die Fotografie steht in einem starken Kontrast zu einem Großteil der Bilder, die uns täglich begegnen. Kaupo erklärt, dass Projekte wie dieses sich in der täglichen Bilderflut kaum behaupten können. „Es gibt unzählig viele Fotos. Das macht es oft schwer, die wirklich guten Fotografinnen und Fotografen zu finden, weil sie nicht sofort ins Auge stechen. Ihre Bilder lösen nicht sofort ein gutes Gefühl aus, wie es bei Aufnahmen von tropischen Inseln, Tieren oder Models der Fall ist. Aber es ist wichtig, dass sich auch Fotografie mit einem höheren künstlerischen Anspruch ihren Raum nimmt, und die klassische Fotokunst erlebt diesbezüglich gerade eine Art Renaissance. Und auch wenn die konzeptionelle Fotografie oft Themen wie Schmerz oder die Sorge um die Zukunft des Planeten oder der Menschheit behandelt, ist es mein Anspruch, den Betrachter sanft mit Aufnahmen in den Bann zu ziehen, die auch ästhetisch ansprechend sind.”
Mit seiner surrealen Mischung aus sozio-anthropologischen Fragestellungen, literarischen Inspirationen und mythologischen Themen, die er dem Betrachter in harten Graustufen präsentiert, möchte Kaupo zum Nachdenken anregen. Dazu greift er in der Ausstellung wie auch in der Buchversion auf einen eigens produzierten, berührenden Soundtrack und Textpassagen verschiedener Autoren zurück, unter denen auch Kaupo selbst ist. „Begleittexte gehören bei Kunstausstellungen oft dazu“, erklärt er, „wobei ich den Betrachtern trotzdem raten würde, das Bild zunächst auf sich wirken zu lassen und sich eigene Gedanken zu machen, bevor sie sich die Gedanken anderer dazu durchlesen. So können sie ganz unvoreingenommen an die Bilder herangehen.“
Seinen Umgang mit der Sony Alpha 7R IV beschreibt Kaupo als „wahnsinnig altmodisch, mit manuellem Fokus, Einzelbildern … umso mehr muss ich die hervorragende Technologie loben. Mit einer Kamera wie dieser gibt es keine technischen Hürden, die Zeit kosten oder das Fotografieren an einem bestimmten Ort unmöglich machen. Man erzielt die gewünschten Ergebnisse extrem schnell.“
„Der Dynamikumfang und die Bildqualität sorgen dafür,“ so fährt er fort, „dass ich mir keine Gedanken über zusätzliche Beleuchtung oder ein Ausreizen des ISO-Werts machen muss. Durch die Größe der Dateien und die Klarheit bei hohen ISO-Werten ist man als Fotograf kaum Einschränkungen unterworfen. Die ausgedruckten Bilder sind bis zu 1,5 m lang. Und sie wurden mit ISO 800 aufgenommen, ganz ohne Rauschen. Bei einem Zeitschriftencover kann man problemlos mit einem Wert von 3200 arbeiten, und bei einer halben Seite reichen 6400 – einfach unglaublich!“
Auch die von ihm eingesetzten Alpha Objektive stehen der hohen Leistung der Kamera in nichts nach, berichtet Kaupo. „Ich möchte an dieser Stelle noch ein paar lobende Worte über die Objektive verlieren. Die großen Drucke, mit denen ich arbeite, stellen sehr hohe Anforderungen an die Optik. Große Formate sind in der Fotografie zwar nichts Neues, doch die Qualität, die ein Objektiv wie das FE 24-70mm f/2.8 GM liefert, ist wirklich unschlagbar.“
Egal, wie lange die Planung gedauert hat oder wie effizient die Umsetzung lief: Irgendwann ist jedes Projekt abgeschlossen. Diesen Zeitpunkt zu bestimmen, ist wie jede andere Entscheidung Teil des kreativen Prozesses. „Das gilt für alle bildenden Künste genauso wie für die Musik oder Literatur. Wir erzählen eine Geschichte und fügen Einzelteile zusammen, aber wir müssen wissen, wann das Projekt abgeschlossen ist. Wer allein arbeitet, diskutiert diese Frage mit sich selbst aus. Als Einzelkämpfer hat man niemanden, der einem diese Entscheidung abnimmt. In meinem konkreten Fall war das letzte Foto der Ausstellung „Angel of Conclusion“. Ironischerweise war dieses Foto, auf dem Sonnenstrahlen durch eine Wolkendecke brechen, das am wenigsten geplante Foto. Das Motiv bot sich mir an, und zwar genau in dem Moment, in dem ich es brauchte. Ein echtes Geschenk der Natur.“
„Arbeite hart und liebe, was du tust. Der Rest kommt von allein.“