Musik für die Augen

 Kaupo Kikkas

„Für mich ist die Musik die mit Abstand höchste Form der Kunst“, antwortet Kaupo Kikkas, wenn man ihn nach seinen beiden großen Leidenschaften fragt. Für diejenigen, die seine hervorragenden Porträts gesehen haben, mag das schockierend klingen, sollte es aber nicht. Es ist absolut nachvollziehbar, wenn man Kaupos Arbeit, seine Geschichte und die enge Verbindung zwischen Leidenschaft und Kreativität kennt.  

„Musik ist in ihrer Abstraktion unermesslich. Die Fotografie ist meine zweite Liebe, sie ist für mich aber beschreibender, näher an der Realität. Warum bin ich also Fotograf? Weil ich glaube, dass ich als guter Fotograf für die Welt nützlicher bin als als mittelmäßiger Musiker!“

Sicher, in Kaupos Offenheit liegt auch Bescheidenheit. Die Kombination seiner Leidenschaften lehrt uns aber, dass die Spezialisierung in der Fotografie eine sehr mächtige Sache sein kann. Sie erzeugt einen Fokus und eine Hingabe, die häufig den Unterschied zwischen großartigen und durchschnittlichen Aufnahmen ausmacht. Bei der Spezialisierung geht es darum, das zu finden, was man unentwegt fotografieren möchte. Bei der das Fotografieren so natürlich und freudvoll ist, dass es sich gar nicht mehr wie Arbeit anfühlt. Fotografieren Sie das, was Sie lieben – das erkennen die Menschen in Ihren Bildern und reagieren darauf. In Kaupos Werk fühlt man seine Liebe zur Musik direkt in seinen Fotografien.

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 Dirigent mit Taktstock in gedämpftem Licht
 © Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 85 mm f/1,4 GM| 1/250 s @ f/6,3, ISO 200

All dies ist natürlich nicht auf einen Schlag passiert. Die Elemente haben sich stattdessen wie Noten zu Akkorden zusammengefügt. „Ich habe in Estland eine Musikschule im alten sowjetischen Stil besucht“, erklärt er, „und diese Schulen verfolgten einen strengen und ernsten Ansatz. Es gab da nur zwei Möglichkeiten: Du wirst Musiker oder du scheiterst als Musiker.“ Allerdings interessierte er sich für die Fotografie und war fasziniert, nachdem er die wahrscheinlich erste Digitalkamera in Estland in der Hand hielt, mit gerade mal 0,3 Megapixel. Er kaufte sich auch eine Filmkamera, mit der er die traditionellen Techniken lernte. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er nach der Schule als freiberuflicher Fotograf in Finnland, wo er auch Fotografie studierte. Doch letztlich wurde Kaupo klar, dass er sich entscheiden musste. „Die Musik war das, was ich gelernt hatte, und meine mögliche Karriere. Ich konnte aber nicht weiter beides gleichzeitig machen. Es gehört zu meinen Grundsätzen, dass ich keine halben Sachen mache.“ 

Aber wer einmal Musiker ist, bleibt immer Musiker. Zehn Jahre später versuchte er, beides miteinander zu verbinden, indem er sich auf die Arbeit mit Musikern konzentrierte, die er kannte – sein erster Kunde war sein Klarinettenlehrer. Damals hatte er noch einige Zweifel.

„Ich hatte nicht geglaubt, dass ich mich in Estland wirklich spezialisieren könnte. Die klassische Musikszene hier hat kein Geld. Ich dachte aber, dass ich es vielleicht international schaffen könnte. Ich machte ein paar Fotosessions kostenlos, dann gegen ein kleines Honorar, um meinen Namen bekannt zu machen. Letztlich konnte ich dann alle meine besser bezahlten Auftragsarbeiten aufgeben und mich nur noch mit der Musik befassen.“

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 3 Musiker im Fenster
© Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 24–70 mm f/2,8 GM| 1/125 s @ f/5, ISO 1600

Die Musikfotografie ist natürlich ein weites Feld und Kaupos Porträtfotografie bildet darin nur eine von vielen Nischen. „Es ist eine Vereinfachung“, erklärt er, „für mich gibt es aber hauptsächlich zwei Typen: einerseits die auf Veranstaltungen bezogene oder dokumentarische Musikfotografie, zu der Konzerte oder Festivals gehören. Bei Konzertbildern kann es sich um Kunst handeln, diese Höhen erreicht sie jedoch nur selten und genau genommen wird dies auch nicht erwartet. Auf der anderen Seite gibt es die Porträtfotografie, mit der ich mich befasse. Das ist ein völlig anderer Ansatz, weil sie eine stärkere Verbindung zum Subjekt voraussetzt.“ Das kann man sogar daran sehen, wie natürlich die von ihm fotografierten Personen ihre Instrumente halten.

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 Pianist, der zu spielen vorgibt, mit dramatischem Schatten im Hintergrund

© Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 24–70 mm f/2,8 GM| 1/160 s @ f/11, ISO 100

„Wenn die Beziehung nicht stimmt oder wenn der Ansatz falsch ist, passiert es leicht, dass eine Sitzung nichts bringt. Der Trick besteht darin, dass man verstehen muss, dass eine Porträtsitzung keine Einbahnstraße ist. Es ist ein Duett, kein Solo. Wenn ich mit Musikern arbeite, sage ich ihnen, dass dies wie Kammermusik ist. Das können sie gut nachvollziehen, weil es bei einem Pianisten und einem Cellisten um eine Kombination geht… weil sie sich vertrauen müssen. Bei der Fotografie ist es genauso. Wenn sich nur einer bemüht, reicht das nicht aus. Man muss an einem gemeinsamen Ziel arbeiten.“ 

Das entsteht durch Empathie und eine gute Beziehung zum Subjekt, sagt er und erklärt, dass sein tiefes Verständnis der Musik persönlichere Beziehungen aufbaut, was sich in den Fotografien spiegelt.

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 Mann, der mit geschlossenen Augen der Musik lauscht
© Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 85 mm f/1,4 GM| 1/250 s @ f/2,0, ISO 2500

Fotografiert werden ist für manche Menschen stressig, merkt er an, deshalb ist es für ihn sehr wichtig, das Subjekt respektvoll zu behandeln und ihm beim Entspannen zu helfen. Das spürt man deutlich in seinen Bildern, auf denen die Menschen Leichtigkeit ausstrahlen. „Bei vielen Porträts“, sagt er, „sieht man, dass zu viel Luft in den Lungen ist, die Schultern steif sind und die Haltung defensiv ist…“ Er betont erneut, dass man dies vermeiden kann, indem man empathisch ist und als Fotograf kein Programm vorgibt. Wenn man versucht, einen Stil oder Ideen durchzusetzen, die nicht zu einer Person passen, kann das schnell schief gehen. „Die Technik darf das Subjekt nicht erdrücken, sonst verschwindet es dahinter.“ 

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 Geiger in dramatischem Sonnenstrahl

© Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 24–70 mm f/2,8 GM| 1/100 s @ f/3,2, ISO 1000

Eine große Rolle spielen in Kaupos Arbeit außerdem besondere Orte – viele seiner Aufnahmen entstehen vor interessanten Hintergründen, die das Subjekt ergänzen – aber auch diese sind kein Zufall. Er speichert ständig Orte in seinem Kopf. „Ich laufe immer herum, mit offenen Augen, und versuche, gute Plätze zu finden. Manchmal behalte ich einen Ort jahrelang im Kopf. Beispielweise diesen hier, in einem alten Torfmoor, mit Wurzeln, die Hunderte oder Tausende von Jahren alt sind. Es sah so mysteriös und apokalyptisch aus. Und dann taucht plötzlich ein Subjekt auf, das genau an diesen Ort passt.“ 

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM3 Mann stellt Engel mit Flügeln dar

© Kaupo Kikkas | Sony α7R III + 24–70 mm f/2,8 GM| 1/160 s @ f/5,6, ISO 200

Interessante Orte, sagt Kaupo, helfen ihm, die Dinge für sich selbst und das Publikum frisch zu halten. Aus demselben Grund investiert er auch Zeit in seine persönlichen Projekte.

„Es wird von Jahr zu Jahr wichtiger für mich“, erklärt er, „dass ich mich als Porträtfotograf nicht selbst wiederhole. Ja, die Subjekte ändern sich, aber ich fürchte mich davor, einen zu wiedererkennbaren Bildstil zu haben. Ich muss auf meine eigene Art arbeiten – ich bezeichne das als freie Kunst – indem mich eine Idee berührt und ich auf meine eigene Weise reagieren kann. So kann ich als Fotograf die beste Arbeit leisten, ich bin aber immer noch überaus froh, dass mein Arbeitsfeld auch das betrifft, was mir am wichtigsten ist.“

Kaupo Kikkas Sony Alpha 7RM2 Cellist vor verspiegeltem Gebäude

© Kaupo Kikkas | Sony α7R II + 24–70 mm f/2,8 GM| 1/640 s @ f/7,1, ISO 400

 In diesem Artikel vorgestellte Produkte 

ILCE-7RM2

α7R II mit rückwärtig belichtetem Vollformatbildsensor

ILCE-7RM3

α7R III 35-mm-Vollformatkamera mit Autofokus

SEL2470GM

FE 24–70 mm f/2,8 G Master

TEST
SEL85F14GM

FE 85 mm F1,4 GM

Kaupo Kikkas
Alpha Universe

Kaupo Kikkas

Estland

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